Warum ich aufgehört habe, meinen Neid zu bekämpfen
- sarahseppendorf

- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit bekam ich eine Mail.
Der erste Satz lautete:
„Manche Nachrichten verschickt man nüchtern. Diese hier gehört nicht dazu.“
Und irgendwie ist mir dieser Satz geblieben.
Ich fand ihn so schön. Ehrlich, aufrichtig, mutig.
Denn auch für mich ist das Teilen dieses Textes nicht einfach.
Ich empfinde oft Neid auf Menschen, die einfach Dinge tun.
Die etwas schreiben und auf „Veröffentlichen“ klicken.
Die ihre Gedanken teilen.
Die sichtbar werden.
Neid.
Für viele gehört er zu den Gefühlen, über die man lieber nicht spricht.
„Du brauchst nicht neidisch zu sein.“
Ein Satz, den ich mir schon ein paar Mal anhören musste.
Und für mich war lange klar:
Wenn ich neidisch bin, dann stimmt etwas mit mir nicht.
Neid.
Missgunst.
Eifersucht.
Eigenschaften, die man möglichst schnell loswerden sollte.
Also habe ich versucht, sie wegzuschieben und die Dinge und Menschen zu vermeiden, die sie in mir auslösten.
Doch Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht mögen.
Oder weil jemand sagt, dass sie nicht da sein sollten.
Doch immer mehr regt sich in mir Widerstand.
Was, wenn mein Neid kein Gegner ist?
Was, wenn mein Neid ein Kompass ist?
Dabei geht es mir nicht um den Schmerz über Dinge, die außerhalb unserer Reichweite liegen.
Nicht um das Trauern über etwas, das wir verloren haben oder vielleicht nie hatten.
Ich meine den Neid auf Menschen, die etwas tun.
Menschen, die losgehen.
Die sich zeigen.
Die ihre Stimme benutzen.
Die einen Platz einnehmen, von dem wir heimlich glauben, dass er uns nicht zusteht.
Denn genau dafür ist mein Neid oft ein Kompass.
Er zeigt mir die Dinge, vor denen ich stehen bleibe.
Die Bühne, auf die ich mich nicht traue.
Die Worte, die ich nicht ausspreche.
Den Platz, den ich mir selbst noch verwehre.
Vor ein paar Tagen habe ich durch alte Tagebücher geblättert.
Zwischen Notizen und Liedzeilen habe ich einen Text gefunden:
„Nur weil du es machst,
heißt es nicht, dass ich es nicht kann.
Nur weil du es zeigst,
heißt es nicht, dass ich es nicht habe.
Nur weil du es sagst,
heißt es nicht, dass ich es nicht denke.
Nur weil du laut schreist,
heißt es nicht, dass ich nicht gehört werde.
Mich zerfrisst es manchmal,dich zu sehen,
als könnte ich nicht parallel existieren.
Doch ich bin hier.“
Ich musste lange auf diese Zeilen schauen.
Denn ich glaube, darum geht es oft.
Nicht darum, dass wir anderen etwas nicht gönnen.
Sondern darum, dass wir nicht sehen, dass auch für uns Platz ist.
Als gäbe es nur einen einzigen Platz am Tisch.
Nur eine einzige Stimme, die gehört werden darf.
Nur einen einzigen Menschen, der erfolgreich sein darf.
Nur eine einzige Frau, die mutig, kreativ oder sichtbar sein darf.
Und wenn jemand diesen Platz einnimmt,
fühlen wir uns plötzlich, als würden wir verschwinden.
Zumindest geht es mir oft so.
Doch das stimmt nicht.
Nur weil jemand leuchtet, wird dein Licht nicht kleiner.
Nur weil jemand sichtbar ist, wirst du nicht unsichtbar.
Nur weil jemand vor dir losgeht, heißt das nicht, dass dein Weg verschwindet.
Vielleicht ist Neid manchmal einfach die schmerzhafte Erinnerung daran, dass wir uns selbst noch nicht erlauben, den Platz einzunehmen, der längst für uns da ist.
Und vielleicht müssen wir ihn nicht bekämpfen.
Vielleicht dürfen wir ihm zuhören.
Denn hinter ihm versteckt sich kein schlechter Charakter.
Sondern eine Sehnsucht.
In meinem Fall: eine Sehnsucht nach mehr Mut zur Sichtbarkeit.
Und die Frage:
Was passiert, wenn ich mir das auch erlaube?
Kommentare