Wenn die Vergangenheit einen Cappuccino bestellt

Es gibt Begegnungen, die dauern keine fünf Sekunden. Und trotzdem werfen sie dich für einen Moment zehn Jahre zurück.
Ist es nicht faszinierend, wie wenig es manchmal braucht, damit unser Gehirn plötzlich alte Schubladen öffnet?
Mir ging es letztens so.
In meiner Mittagspause ging ich nichtsahnend in das Café um die Ecke.
Ja, dieser Ort ist angesagt.
Ja, hier treffen sich viele.
Ja, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, hier Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten zu treffen – und trotzdem war ich an diesem Tag absolut nicht darauf vorbereitet.
Ich bestellte mir einen großen Hafercappuccino und dieses Mal
– statt eines Käsekuchens – ein Käsesandwich.
Aber Käse musste in dieser Phase wohl irgendwie sein.
Ich suchte mir einen Platz und hörte plötzlich eine Sprachmelodie,
wie ich sie lange nicht mehr gehört hatte.
Bevor ich sie richtig zuordnen konnte, fuhr es mir schon durch den Körper.
Mein Herz schlug schneller.
Irgendetwas in mir hatte diesen Menschen längst erkannt.
Mein Kopf brauchte noch einen Moment.
Und dann sah ich ihn. Jemanden aus meinem „alten Leben“.
Den besten Freund meines Ex-Freundes.
Zu sagen, es machte nichts mit mir, wäre gelogen.
Er war vertieft in seinen Laptop und schien mich gar nicht wahrzunehmen.
Und trotzdem begann in mir sofort etwas zu arbeiten.
Wie sollte ich mich verhalten?
Selbstbewusst? Beschäftigt? Bloß nicht zu lange rüberschauen?
Innerlich war ich auf einmal wieder die 22-jährige Sarah.
Vielleicht ist das das Merkwürdige an der Vergangenheit.
Sie wartet nicht auf uns.
Sie läuft uns zufällig im Café über den Weg. Bestellt sich einen Cappuccino.
Und erinnert uns für einen kurzen Moment daran,
wie viele Menschen wir in einem einzigen Leben schon gewesen sind.
Das Skurrile daran: Je nachdem, wie es mir selbst gerade geht, erlebe ich solche Begegnungen völlig unterschiedlich.
An manchen Tagen hätte ich vermutlich gelächelt, kurz gewunken
und meinen Kaffee weitergetrunken.
An diesem Tag nicht.
Und genau das lässt mich fragen:
Was macht diese Begegnung eigentlich mit mir?
Oder zeigt sie mir nur etwas, das ohnehin schon in mir war?
Vielleicht sind es gar nicht die Menschen aus unserer Vergangenheit,
die uns aus der Bahn werfen.
Vielleicht treffen sie einfach auf Fragen,
die in uns gerade ohnehin laut sind.
Vielleicht fühlen sich solche Begegnungen deshalb so merkwürdig an.
Nicht, weil wir der Vergangenheit begegnen.
Sondern weil wir einer Version von uns begegnen,
die noch in den Erinnerungen anderer existiert.
Vielleicht schreiben wir ein Leben lang neue Kapitel.
Und manchmal sitzen sie plötzlich alle mit an einem Tisch.


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